
Interview vom 22.02.2021 im General-Anzeiger indem Architekt Jürgen von Kietzell über eine achtsamere Bodenplanung auf dem Buschdorfer Baugebiet: Rosenfeld plädiert.
Beginnen wir mit dem Rosenfeld: Die Politik will das Baugebiet neu ausschreiben lassen, womit ein Wunsch des BDA in Erfüllung geht. Was störte den Bund Deutscher Architektinnen und Architekten an den Ursprungsplänen?
Jürgen von Kietzell: Es handelt sich um eine der letzten großen Flächen im städtischen Eigentum. Die Planung war in verschiedener Hinsicht nicht mehr zeitgemäß. Uberwiegend. Die Abgabe von Grundstücken nach dem besten Konzept, das ware angesagt“ niedrige Einfamilienhäuser, zu wenige geförderte Wohnungen und eine Planung, die zu viel Fläche für Straßen versiegelt. Die Bodenflächen sind ein nicht nachwachsendes Gut. Wir sollten achtsam damit umgehen und angesichts steigender Mieten und knappem Wohnraum mit städtischem Boden im Sinne der Stadt-gesellschaft wirtschaftlich umgehen.
Sie schlagen also eine höhere Bebauung vor?
Von Kietzell: Auf weniger Fläche kann mit einer vergleichbaren Dichte wie in der Bonner Südstadt deutlich mehr Wohnraum geschaffen werden. Etwa vier bis fünf Geschosse das schont die Ressource Boden und wirkt der Gentrifizierung entgegen. Die bisherige Planung sah eine stark befahrene Magistrale vor, auf der sich die Autos zu den Einfamilienhäusern bewegten. An dieser Stra-Be waren die geförderten Wohnungen geplant, die Einfamilienhäuser standen in der ruhigen Umgebung mit einzelnen Straßen. Diese Hierarchie ist nicht mehr zeitgemäß. Auch das Pkw-orientierte Mobilitätskonzept mit der Straße bis vor die Tür sollte kritisch überdacht werden. So könnte ein Parkhaus zentral die Autos aufnehmen und die Mehrfamilienhäuser quasi auf dem „grünen Land“ stehen. Viel weniger Straßen bei mehr Wohnraum und weniger Versiegelung. Außerdem wäre ein solches Konzept energetisch vorteilhaft, wenn wir das Thema klimaneutrale Stadt ernst nehmen wollen.
Warum diese Arbeit nicht privaten Bauinvestoren überlassen?
Von Kietzell: Ein Bauinvestor hat den monetären Gewinn im Auge. Das ist nichts grundsätzlich Schlechtes. Aber es geht hier um städtische Grundstücke. Hier bietet sich die besondere Chance, soziale, ökologische, experimentelle Wohnformen zu fördern. Der Gewinn könnte bei der Stadt bleiben. Warum sollen nicht Baugemeinschaften oder die überwiegend städtische Vebowag oder sonstige konzeptionell interessante Anbieter einzelne Grundstücke in Erbpacht übernehmen? Dann hätten unsere Nachkommen in 50 oder 100 Jahren weiterhin die Möglichkeit, Einfluss auf die Stadtgestaltung zu nehmen. Die Stadt sollte mit ihrem Boden umgehen wie ein Förster, der auch über sein Leben hinaus planen muss mit seinem Wald.
Sie unterstützen also die Pläne, über eine Stadtentwicklungsgesellschaft Flächen selbst zu entwickeln?
Von Kietzell: Wir sind als BDA seit geraumer Zeit der Meinung, dass eine Stadtentwicklungsgesellschaft, die selbst Flächen ankaufen und damit gestaltend umgehen kann, sehr vorteilhaft für eine Stadtplanung wäre, die den Namen verdient. Zusätzlich würden wir offene Wettbewerbe be-grüßen, damit ortsansässige Architekten teilnehmen können.
Wie kann eine Stadt wachsen? Muss sie es überhaupt?
Von Kietzell: Die Antwort kann bei der begrenzten Ressource Boden nur bei einer besseren Verdichtung und Höhe der Bebauung liegen. Auch die Mobilität muss, nicht nur aus diesem Grund, weiterentwickelt und Verkehrswege neu verteilt werden. Ob im Projekt Rosenfeld oder im Wohnpark Vilich II es sollte im Bewusstsein der Begrenzung gehandelt werden. Die Erschließung neuer Baugebiete ist ja angesichts von Frischluftschneisen, Artenvielfalt, Schutzgebieten und Stadtklima nur begrenzt möglich.
Ist damit ein Bedarf von 1000 Wohnungen pro Jahr zu decken?
Von Kietzell: Es gibt Potenziale neben der angesprochenen dichteren Bebauung auch bei den Leerständen. Wir haben uns beim BDA mit dem leerstehenden ehemaligen Landesbehördenhaus beschäftigt und uns Lösungen überlegt, die auch in unterschiedlichen Wohnnutzungen lagen. Aber auch im Kleinen gibt es Leerstände, die auch teilweise in öffentlicher Verantwortung liegen. In Tübingen ist der OB dagegen proaktiv vorgegangen – mit Erfolg! Da wir den Abriss von Gebäuden aus energetischen Gründen immer kritischer sehen müssen, läge hier sicherlich ein Potenzial in der Umnutzung und Erweiterung bestehender Bauten.
Sie meinen die Einbeziehung des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes?
Von Kietzell: Wir haben als BDA Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land entwickelt: „Das Haus der Erde“. Darin wird die Forderung aufgestellt, Gebäude nicht nur nach dem unmittelbaren Energieverbrauch zu beurteilen, sondern den gesamten Prozess von der Herstellung bis zur Wiederverwertung in die Betrachtung einzubeziehen.
Wir sprachen eben bereits über Mobilität: Welche Anforderungen stellen Sie an ein modernes Quartier?
Von Kietzell: Nehmen wir den Rahmenplan Bundesviertel, also die Langzeitplanung für eine Nachverdichtung im ehemaligen Bundesviertel. Das Planungsbüro Cityförster aus Hannover hat eine Entwicklung vorgeschlagen mit Mobilitätshubs, also kleinen Umsteigebahnhöfen an Verkehrsdrehkreuzen wie in Ramersdorf, an denen das Verkehrsmittel gewechselt werden kann: für Einpendler vom Auto zum Fahrrad oder zur Seilbahn. Es scheint sehr plausibel, die Autos an strategischen Punkten aus der Stadt zu halten und mit sinnvollen Alternativen weiterzukommen. Dafür müsste sich auch der öffentliche Nahverkehr verbessern. Mit dem Konzept, Fahrzeuge in Sammelgaragen zu parken, würde auch Baulandpotenzial entstehen: Die Forderung nach dem Stellplatzschlüssel erschwert häufig eine Bebauung.
Was halten Sie von alternativen Wohnformen?
Von Kietzell: Wir haben ja in Bonn bereits gute Beispiele für neue Wohnformen durch Genossenschaften und Baugemeinschaften: Nehmen Sie die Wahlverwandtschaften, Amaryllis in Villich oder auch hier im ehemaligen Karmelkloster in Bonn Pützchen. Es gibt viele Menschen, die danach suchen. Einige dieser Modelle bieten die Chance, der Gentrifizierung entgegenzuwirken. Genossenschaften können den überteuerten Weiterverkauf solcher Wohnungen verhindern und die Mieten stabil halten. Baugemeinschaften mit unterschiedlichen Konzepten, die per Erbpacht Grundstücke der Stadt erhalten, entwickeln sich bundesweit. Die Abgabe von Grundstücken nach dem besten Konzept, das wäre angesagt.
